Konflikte in Organisationen: Zwei Brillen als denkmodell
9. Juli 2026 von Anna Schulte und Philipp Scharff
“Unser Führungsteam ist zerstritten und dysfunktional. Können Sie da was machen?”
Mit solchen oder ähnlichen Anliegen kommen unsere Kund*innen auf uns zu. In diesem Fall ruft eine Geschäftsführerin und beschreibt eine Situation, die sich im Lauf der Monate zugespitzt hat: Spardruck, Marktdynamiken und die Notwendigkeit zu standardisieren, um wirtschaftlich zu bleiben. Zugleich gibt es aber auch die Sorge, dass zu viel Standardisierung und zu wenig individueller Kundenservice Bestandskunden vertreibt. In der Geschäftsleitung wird die Diskussion mit der Zeit hitziger. In den Pausen flackert Ungeduld auf, und in den Gesprächen mit der Geschäftsführerin tauchen einzelne Personen immer häufiger als “schwierig” auf. Herr X kann mit dem Druck nicht umgehen, Frau Y hat ihre Leute nicht im Griff … Die Geschäftsführung fragt sich, ob sie das richtige Top-Management-Team an Bord hat in diesen schwierigen Zeiten.
Die Frage ist berechtigt. Und in den meisten Fällen zu kurz gesprungen. Wir erfahren immer wieder, dass Konflikte erklärt werden durch die Persönlichkeit oder Kompetenz einzelner Personen. Der wirksamere Hebel – und damit meist auch die Konfliktursache – liegt jedoch meist in Strukturen, Rollen und Entscheidungslogiken der Organisation.
Um das deutlich zu machen, bieten wir unseren Kunden das denkmodell der zwei Brillen an. Statt eine Antwort zu geben zur Passung von Einzelpersonen, laden wir dazu ein, dieselbe Situation durch zwei verschiedene Brillen anzuschauen. Aber wir beginnen mit der Brille „Mensch“:
Brille 1: Die Menschen und ihr Verhalten

Mit dieser Brille schauen wir auf die beteiligten Menschen. Wer kommuniziert wie mit wem? Welche Bedürfnisse, Befürchtungen, Unklarheiten sind im Spiel? Wo sind Erwartungen verletzt worden? Was trägt jede Person an persönlicher Geschichte in einen Konflikt hinein? Welche Führungshaltung bringt jemand mit?
Die Personen-Brille ist die intuitivste, und sie ist oft die erste, mit der unsere Kund*innen uns ihre Probleme beschreiben. Ihr Anliegen an uns sind dann Maßnahmen wie Mediation, Klärungsgespräche, Kommunikations-Workshops oder auch Einzelcoachings der Beteiligten. Alles wichtige Maßnahmen, die wir auch durchaus in Kundensystemen anbieten. Manchmal helfen sie sehr, vor allem dann, wenn ein Konflikt wirklich auf einer persönlichen Ebene wurzelt: durch eine konkrete Verletzung, eine ungelöste Erwartung, eine Beziehung, die belastet ist.
Doch wir beobachten im Anschluss dann oft das Folgende: Die Stimmung wird besser, der Konflikt entspannt sich, das Projekt läuft wieder. Und nach einigen Monaten ist der gleiche Konflikt zurück – manchmal mit denselben Personen, manchmal sogar mit neuen Akteur*innen.
Bevor wir also uns daher mit der Besetzung des Top-Management-Teams unserer Kundin beschäftigen, lohnt ein Blick durch eine zweite Brille.
Brille 2: Die Struktur und die Verhältnisse

Schauen wir mit dieser Brille auf einen Konflikt dann fragen wir: Aus welchen Rollen heraus geraten die handelnden Personen in Konflikt? Für welche Ziele und Anforderungen der Organisation stehen sie? Wozu dient ihr Verhalten – was auf den ersten Blick dysfunktional scheint?
Denn als systemisch denkende Berater*innen ist unsere erste Annahme: Der Konflikt wurzelt nicht in den Personen, sondern in der Organisation selbst. Das Verhalten von Menschen in einer Organisation hat einen Sinn. Auch wenn es manchmal noch so unerklärbar scheint.
In unseren Beispielfall wird deutlich: Eine Organisation, die gleichzeitig Standardisierung und Kundennähe leisten will, kann diese beiden Anforderungen nicht in derselben Stelle bündeln. Sie muss sie als unterschiedliche Funktionen ausdifferenzieren. Kundenservice und Vertrieb übernehmen die Aufgabe, dem Kunden möglichst nahe zu kommen. Das ist ihre Funktion. Dafür werden sie gebraucht. Die Produktion und der kaufmännische Bereich hingegen übernehmen die Aufgabe, mit Komplexität und Aufwand zu wirtschaften, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Standardisierung zu gewährleisten. Genau das ist ihre Funktion. Wenn beide Bereiche tun, was sie sollen, geraten sie notwendig in Spannung zueinander. Und diese Spannung ist „gewollt“. Sie ist quasi das Wunder, das alle Organisationen ständig vollbringen: Sinnvolle Ziele für die Organisation verfolgen, die sich gegenseitig widersprechen.
Konkret hängt sich der Streit manchmal an einem einzelnen Liefertermin auf. Der Vertrieb sagt vier Wochen zu, weil die Kundin anders nicht unterschreibt. Die Produktion meldet acht Wochen, weil zwei andere Aufträge bereits in der Pipeline sind. Wer hat recht? Beide. Und solange das in jedem Einzelfall neu ausgehandelt wird, verbraucht die Organisation Energie an der gleichen Stelle immer wieder – ohne dass eine strukturelle Antwort entsteht.
Mit der Strukturbrille verschiebt sich also die Frage. Sie lautet nicht mehr: Wie nähern sich die Personen einander an? Sondern: Schafft die Organisation es, aus dieser Spannung gute Entscheidungen zu produzieren oder produziert sie immer wieder Verlierer*innen und Gewinner*innen? Wo genau wird eine solche Spannung ausgetragen, mit welcher Entscheidungslogik, an welcher Schnittstelle? Wie transparent sind die Daten für gute Entscheidungsfindung? (…)
Solange diese Fragen nicht geklärt sind, landet die Spannung bei den handelnden Personen, die die Pole verkörpern. Oftmals tragen sie sie persönlich aus, manchmal jahrelang. Aus einer strukturellen Spannung wird so ein persönlicher Konflikt. Das macht müde, belastet die Zusammenarbeit und lenkt davon ab, den eigentlichen Hebel zu verändern: die Organisation.. „Herr X kann mit dem Druck nicht umgehen.“ Ist das wirklich so? Oder hat Herr X schlichtweg keine Klarheit darüber, wo bestimmte Entscheidungen getroffen werden und was die Erwartung an ihn in seiner Rolle ist?

Wenn wir mit der Strukturbrille auf eine konkrete Spannung schauen, gibt es eine echte Chance auf organisationale Veränderung. Die Spannung geht dann nicht weg, aber sie wird strukturell richtig verhandelt: Durch Rollenbeschreibungen, Entscheidungsmandate, Kom-munikationswege etc…
In der konkreten Beratungssituation mit unseren Kund*innen hilft es uns häufig im ersten Schritt Empathie für die jeweils andere Seite aufzubauen. Die eigene Perspektive zu verlas-sen und „von außen“ draufzuschauen. Dazu hilft uns ein bestimmtes Werkzeug: das Wer-tequadrat von Friedemann Schulz von Thun, dem bekannten systemischen Vordenker.
Das Wertequadrat geht von der Annahme aus, dass jede Tugend eine Schwester-Tugend hat, die mit ihr in Spannung steht: beide brauchen einander, um nicht in eine Übertreibung zu kippen.
Bei unserer Eingangsfrage – Standardisierung und Kundennähe – fragt das Wertequadrat also nicht: Welche der beiden ist richtig? Es fragt: Was wäre ein Zuviel des Guten, auf jeder Seite?
Aus zu viel Standardisierung wird Bürokratie, Realitätsverlust, Verlust von Kundenwirklichkeit. Zuviel Kundennähe wird Beliebigkeit, Selbstausbeutung, Bauchladenstrategie. Beide Übertreibungen unterlaufen das, was sie eigentlich sichern wollten.
Damit zeigt sich: Beide Pole brauchen einander, weil keine Übertreibung gut endet. Das eine Gute braucht das andere Gute, um nicht in die eigene Übertreibung zu kippen. Das verschiebt das Gespräch. Und so wird von “Wer hat recht?” ein “Wie balancieren wir die beiden, ohne dass eine Seite kippt?”.
Das Wertequadrat ist eines unserer Lieblings-Denkmodelle, weil es zwischen den beiden Brillen vermittelt: Es nimmt psychologisch ernst, dass Menschen sich für ihren Pol einsetzen, und macht zugleich strukturell sichtbar, dass beide Pole für die Organisation notwendig sind. Wer das Wertequadrat einmal verstanden hat, kann es im Alltag selbstständig nutzen. Ob bei großen Strategie-Spannungen als auch bei kleinen Bereichskonflikten. Und versteht auch: der gegenseitige Vorwurf ist häufig nicht die Einsicht, dass es die „andere Qualität“ auch braucht, sondern die Sorge, es könnte jeweils zu einem „zu viel des Guten“ kommen.

In der Beratung brauchen wir selbstverständlich beide Brillen. Wir müssen sie aber gut unterscheiden und uns bewusst sein, wo der wirkliche Hebel für organisationales Lernen steckt.
Die Personen-Brille hilft uns häufig im ersten Schritt, weil wir sicherstellen möchten, dass sich alle Beteiligten in ihren Rollen und auch als Menschen ernst genommen und gehört fühlen. Durch Gespräche und echte Nachfragen möchten wir verstehen, was einzelne Ak-teur*innen zu ihrem Handeln veranlasst. Die beteiligten Personen brauchen diesen Boden, bevor sie strukturell denken können. Wenn jemand gerade hochemotional aus einer Sitzung kommt, wird er oder sie für strukturtheoretische Überlegungen nicht zugänglich sein. Wir hören also zu, nehmen die Wirklichkeit der Beteiligten ernst und schaffen Vertrauen.
Es ist aber im zweiten Schritt Strukturbrille, die uns darin leitet, echte Hebel und tragfähigen Lösungen zu finden. Durch Perspektivwechsel wird plötzlich klar, aus welchem Organisationsinteresse sich jemand für einen Pol einsetzt und wo die Spannung wirklich sitzt. Abgeleitet daraus können unsere Kunden passgenaue Antworten finden: Wo braucht es eine andere Entscheidungsroutine, Rollenklärungen oder einen transparenten Prozess, damit die Spannung gut ausbalanciert wird?
Das Wertequadrat ist das Scharnier zwischen beiden Brillen. Es macht fühlbar, was sonst nur strukturell verstanden würde und bringt damit die zweite Brille so in den Raum, dass auch jene mitgehen können, die zunächst nur die erste Brille tragen.
Was das für eine Gute Organisation bedeutet
Gute Organisationen beseitigen Spannungen nicht. Sie schaffen Strukturen, in denen Spannungen balanciert und entscheiden werden können. So bleiben sie handlungsfähig – auch unter widersprüchlichen Anforderungen – und machen den Kopf frei fürs Wesentliche.
Konflikte zwischen Bereichen sind aus dieser Sicht nicht ein Zeichen von Versagen, sondern oft im Gegenteil: ein Zeichen, dass beide Bereiche ihre Aufgabe ernst nehmen. Sie zeigen, wo die Organisation lebt. Die Frage ist nicht, ob sie auftauchen, sondern, ob die Organisation dafür Räume hat, in denen sie produktiv werden.
Bevor ich also Personen im Top-Management austausche, ist es sinnvoll zu überprüfen, ob die Ziele der einzelnen Bereiche sinnvoll miteinander ausgehandelt werden können. Das nimmt auch die Geschäftsführung mit in ihre Pflicht und Rolle: Dafür zu sorgen, dass alle Organisationseinheiten die Informationen und Strukturen haben, um innerhalb ihrer Rollenunterschiede sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Wenn dem nicht so ist, hilft keine Neubesetzung, zwischenmenschliche Mediation oder Einzelcoaching.
Kommt es dennoch vor, dass Menschen und ihre Verhaltenspräferenzen nicht zur Kultur einer Organisation passen? Natürlich kommt das vor! Manchmal hilft es sowohl der Organisation als auch den Personen selbst, eine Organisation zu verlassen. Unsere Erfahrung ist jedoch, dass Organisationen die strukturellen Ursachen von Konflikten häufig unterschätzen und individuelle Ursachen überschätzen. Wir tun den Menschen einen Gefallen, wenn wir Ursachen für ihr Verhalten in den Verhältnissen suchen – und schönerweise sind Strukturen sogar einfacher zu verändern als Persönlichkeiten.
Wie das ganz praktisch in der Beratung umsetzen, kannst du bei uns lernen: Im März startet der nächste Durchgang unserer Ausbildung in „Beratung und Organisationsentwicklung“
Wenn Sie diese Fragen in Ihrer Organisation beschäftigen, sprechen Sie uns gerne an: [Hier unverbindliches Gespräch buchen].