Land­kar­ten in der Bera­tung

3. April 2014 von Dirk Jung

Picasso wurde von einem Ameri­ka­ner gefragt, warum er nicht male, wie die Dinge wirk­lich seien. Darauf antwor­tete Picasso, dass er nicht wisse, was damit gemeint sei. Der Ameri­ka­ner zog ein Foto von seiner Frau aus der Brief­ta­sche und sagte, so sei seine Frau wirk­lich. Unschlüs­sig drehte Picasso das Bild in seiner Hand herum und entgeg­nete: „Selt­sam. So klein ist sie und so flach.“

„Die Land­karte ist nicht das Land“

Mit dieser Fest­stel­lung spielte der polni­sche Struk­tu­ra­list Alfred Korzyb­ski bereits um 1930 auf die Tatsa­che an, dass jeder Versuch einer Abbil­dung äuße­rer oder inne­rer Land­schaf­ten nie die „Wirk­lich­keit“ zeigen kann. Mehr noch: „Land­kar­ten“ sagen mehr über ihre Herstel­ler aus als über die Welt, die sie beschrei­ben wollen. Sie visua­li­sie­ren unsere Wirk­lich­keits­kon­struk­tio­nen – und gerade das machen sie zu einem wunder­ba­ren Instru­ment der Bera­tung.

Im Früh­jahr 2013 hatte ich das Glück, bei einem Wochen­end­trip nach Madrid zufäl­lig in die Ausstel­lung „Carto­grafías“ im Caix­a­Fo­rum Madrid zu stol­pern. Sie zeigt histo­ri­sche und künst­le­ri­sche Land­kar­ten, äußere und innere Land­schaf­ten, z.B. die Traum­pfade der austra­li­schen Urein­woh­ner oder ein Papp­mo­dell Itali­ens – aller­dings an der Stie­fel­spitze wie ein Schin­ken von der Decke hängend. Eine voll­stän­dige virtu­elle Gale­rie dazu kann man sich hier anschauen: Carto­gra­fias

Die Impres­sio­nen in Madrid schenk­ten mir viele Impulse und Anre­gun­gen über Nutzen und Gren­zen von Karten in der Bera­tung – eine gedank­li­che Reise, zu der ich die Lese­rin­nen und Leser dieses Textes einla­den möchte.

Keine Reise ohne Karte. Keine Karte ohne Reise.

Wer sich auf eine Reise ins Unbe­kannte begibt, sich also bewe­gen und verän­dern möchte, benutzt Land­kar­ten zur Orien­tie­rung und Ziel­be­stim­mung. In der Regel wurden diese Land­kar­ten jedoch nicht vom Reisen­den selbst erstellt, sondern von ande­ren Menschen – von „Exper­ten“ oder „Bera­tern“. Oder aber Gesell­schaft, Reli­gion und Kultur haben sie irgend­wie „hervor­ge­bracht“. Je nach Sicht­weise geben sie uns die drin­gend notwen­dige Orien­tie­rung oder sie mani­pu­lie­ren unsere Wahr­neh­mung von der Welt und verhin­dern, dass wir neue Wege beschrei­ten.

Umge­kehrt gilt aber auch: Ich kann erst dann eine realis­ti­sche Land­karte von der Welt (auch der inne­ren Welt) erstel­len, wenn ich sie bereist und erforscht habe. „Meine“ Land­karte bildet dann die Welt so ab, wie ich sie sehe und inter­pre­tiere. Histo­ri­sche Welt­kar­ten aus der Früh­zeit der Seefahrt zeigen sehr schön diese Ambi­va­lenz von poli­tisch und kultu­rell „rich­ti­gem“ Welt­bild und Erkennt­nis­fort­schritt durch Expe­di­tion und Expe­ri­ment. So beein­druckte mich in der Madri­der Ausstel­lung unter ande­rem eine japa­ni­sche „Welt­karte“ aus dem 16. Jahr­hun­dert: Im Zentrum ein riesi­ges Japan und am Rand ein Erdfleck mit der Beschrif­tung „kleine Insel mit selt­sa­men weißen Menschen“. Damit war Europa gemeint.

Alles Ansichts­sa­che: Zeigen heißt auch verber­gen.

Jede Land­karte gibt vor, uns ein Stück der Welt zu zeigen. Indem sie das tut, verbirgt sie gleich­zei­tig ein ande­res Stück der Welt vor unse­ren Augen. Haben Sie einmal bei Google Maps zwischen dem Karten­mo­dus und dem Satel­li­ten­mo­dus gewech­selt? Dem Phäno­men solcher „multi­pler Wahr­hei­ten“ geht seit Jahren die Initia­tive World­map­per nach. Sie zeich­net Welt­kar­ten, die eben nicht nur die Ober­flä­che der Länder zeigen, sondern beispiels­weise auch die Zahl ihrer Inter­net­nut­zer. Im Jahr 2002 sah das noch so aus:

Graphische Darstellung der Welt, als Symbolbild für die Landakarten der Beratung

Wer die Karte zeich­net, hat die Macht. Darum sind die Gren­zen Afri­kas so gerade.

Viele Länder in Afrika und auch Latein­ame­rika haben schnur­ge­rade Gren­zen, weil dort irgend­wann die Kolo­ni­al­mächte oder der Vati­kan mit dem Lineal die Welt unter sich aufge­teilt haben. Sie hatten die Macht dazu und haben unge­ach­tet gewach­se­ner Struk­tu­ren die Land­karte so gezeich­net, wie es ihnen genehm war.

Als Bera­tende führt uns das zu der span­nen­den Frage: Wer zeich­net die innere Land­karte eines Unter­neh­mens? Wer hat dort die Macht, die Karte von Kunden, Markt und Wett­be­werb zu zeich­nen, auf deren Grund­lage Entschei­dun­gen getrof­fen werden? Wird dafür das geballte Erfah­rungs­wis­sen aller Abtei­lun­gen genutzt? Glaubt man den Unter­neh­mens­be­ra­tern? Wie alt sind die Infor­ma­tio­nen, auf denen die Karten­zeich­nun­gen basie­ren? Wann hat sich zuletzt einer auf das offene Meer hinaus­ge­wagt, um die Karten mit der Reali­tät abzu­glei­chen?

Ein System. Viele Karten.

Bei der Evalu­ie­rung von Entwick­lungs­pro­jek­ten stoße ich oft auf völlig veral­tete „Land­kar­ten“, weil die Projekt­be­tei­lig­ten die Verän­de­run­gen der realen Welt nicht sehen können oder wollen, oder weil grobe Land­kar­ten die Entschei­dun­gen einfa­cher machen als komplexe und diffe­ren­zierte Karten. Das geld­ge­bende Minis­te­rium oder die Zentrale in Deutsch­land sind ohne­hin auf gefil­terte und redu­zierte Infor­ma­tio­nen ange­wie­sen, um sich ihr Bild der Welt zu konstru­ie­ren.

Vor Ort benut­zen die Betei­lig­ten eines Projekts nicht selten unter­schied­li­che Karten und leben daher in unter­schied­li­chen „Welten“. Gele­gent­lich habe ich einhei­mi­sche und inter­na­tio­nale Mitar­bei­ter eines Projekts in getrenn­ten Räumen Land­kar­ten des Systems erstel­len lassen, in dem sich ihr Projekt bewegt. Die Unter­schiede waren frap­pie­rend, ja zum Teil auch erschre­ckend – zumal, wenn auf Grund der Macht­ver­hält­nisse im Manage­ment nur eine Karten­ver­sion benutzt wurde. Getreu dem Motto: „Wer das Geld hat, zeich­net die Karte.“

Bera­tungs­tools zur Vermes­sung der Welt(en)

In diesem Arti­kel verwende ich den Begriff der Land­karte sowohl für die konkrete graphi­sche Darstel­lung als auch im über­tra­ge­nen Sinne für das innere Bild von der Welt, das sich Menschen, Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen schaf­fen. Das erstere dient dazu, das letz­tere sicht­bar zu machen – eine Königs­dis­zi­plin in der Bera­tung.

Die Wahl des graphi­schen Mittels und des Abstrak­ti­ons­gra­des sind dabei fast belie­big. Was zählt, ist, ob die jewei­li­gen Ziele damit erreicht werden, wie z.B. Verstän­di­gung, Orien­tie­rung, Bewusst­wer­dung, Reise­lust. Unter dieser Prämisse ist die Auswahl der hand­werk­li­chen Mittel fast unend­lich, ange­fan­gen mit der weit verbrei­te­ten Mind Mapping Tech­nik nach Tony Buzan bis hin zur System­land­schaft (nach­ste­hend ein Beispiel aus einem unse­rer Szena­rio-Work­shops) oder einer Wissens­land­karte oder gar der Zweck­ent­frem­dung bestehen­der Karten wie z.B. des U‑Bahn Plans von Tokio zur Darstel­lung und Analyse der 200 erfolg­reichs­ten Websites der Welt (siehe Web Trend Map 2007 Version 2.0).

Photo eines gemalten Stakeholdermappings von denkmodell.

Wie kann eine gemein­same Land­karte entste­hen?

Ich glaube, es gehört zu den zentra­len Aufga­ben der Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­tung, die Betei­lig­ten eines Prozes­ses oder einer Orga­ni­sa­tion bei der Herstel­lung einer gemein­sa­men menta­len Land­karte zu unter­stüt­zen. Dazu benö­tigt man fünf Konzepte – oder besser noch, gemein­same Antwor­ten auf fünf Fragen­pa­kete:

  1. Ein Zentrum (Wo ist die Mitte und warum? Posi­tio­nie­ren wir uns selbst im Zentrum oder am Rand? Was erken­nen wir von dort aus? Was ist die beste Perspek­tive für uns?)
  2. Eine Orien­tie­rung (Wo ist oben? Wo ist Norden? Was liegt hinter uns, was vor uns? Wo geht die Sonne unter?)
  3. Eine Grenze (Wo hört die Land­karte auf und warum? Wo ist die Grenze der bekann­ten Welt? Was inter­es­siert uns nicht mehr und warum nicht?)
  4. Einen Maßstab (Wie bestim­men wir, was“ groß“ und was „klein“, was „wich­tig“ und „unwich­tig“ ist? Wie vermes­sen wir die Welt? Wessen Maßstäbe über­neh­men wir dabei?)
  5. Eine Abstrak­tion (Wie „über­set­zen“ wir die Welt in Zeichen und Bilder? Was verlie­ren wir dabei? Was stel­len wir in den Vorder­grund? Was ist scharf gezeich­net und was eher unscharf?)

Jedes dieser fünf Konzepte bietet in der Bera­tung Gele­gen­heit, um fest­ge­fah­rene (Welt-) Bilder zu hinter­fra­gen und in Bewe­gung zu brin­gen.

Fluch und Segen der Abstrak­tion

Wie erfri­schend irri­tie­rend dabei die „Abstrak­tion“ von der Wirk­lich­keit sein kann, zeigt beispiels­weise die nach­ste­hende „Land­karte“ von Alberto Duman (2007), bei der ein „norma­les“ Bild von der Fluss­land­schaft der Themse in Wörter unter­schied­li­cher Größe „verschlüs­selt“ wurde. Wenn Sie gedank­lich durch das Bild gehen und die einzel­nen Wörter („blue sky“, „cloud“, „trees“) samt ihrer Größe in Ihrer Vorstel­lung wieder zu einem Bild zusam­men­zu­fü­gen versu­chen, spüren Sie den Unter­schied zwischen einer analo­gen Darstel­lung der Welt (Foto, Bild) versus einer digi­ta­len Abstrak­tion (Wörter, Zahlen, Symbole). Welchen Vorteil hat die jewei­lige Darstel­lung? Was geht bei der „Über­set­zung“ in die eine oder andere Spra­che verlo­ren?

Wolken­at­las

Der wunder­bare Roman „Cloud Atlas“ von David Mitchell weist unge­wollt auf die Grenze und Gefahr jeder „Mapping“ Tech­nik in der Bera­tung hin. Der Begriff „Wolken­at­las“ ist ein Wider­spruch in sich. Immer dort, wo es gilt eine beweg­li­che, sich stän­dig verän­dernde Wirk­lich­keit zu begrei­fen und zu akzep­tie­ren, schafft ihre Fixie­rung als „Land­karte“ die fatale Illu­sion, man könne Verän­de­rungs­pro­zesse einfrie­ren und dann in Ruhe „bear­bei­ten“. Hier müssen andere Bera­tungs- und Visua­li­sie­rungs­tech­ni­ken grei­fen.

Ein Beispiel für ein solches dyna­mi­sches Mapping-Instru­ment ist die – möglichst gemein­sam gezeich­nete – „Lebens­kurve“ einer Orga­ni­sa­tion oder eines Projekts: Wann ging es uns gut? Was ist da passiert? Wann gab es eine Krise? Wo stehen wir heute? Eine solche Darstel­lungs­form ist im Übri­gen auch ein ausge­zeich­ne­tes Verfah­ren, um trotz hoher Mitar­bei­ter­fluk­tua­tion das kollek­tive Gedächt­nis der Mitar­bei­ter zu pfle­gen. Nach­ste­hend ein fikti­ves Beispiel für eine solche „Lebens­kurve“.

Wer nur eine Land­karte besitzt, kennt nur eine Welt.

Zum Schluss noch einmal Picasso: „Wenn es nur eine Wahr­heit gäbe, könnte man nicht über den glei­chen Gegen­stand 100 verschie­dene Bilder machen.”