Schö­ner arbei­ten in Virtu­el­len Reali­tä­ten?

2. März 2021 von Julian-G. Mehler

Die Pande­mie verschiebt Reali­tä­ten. So hätte ich mir vor einem Jahr kaum vorstel­len können, dass eine virtu­elle Mode­ra­tion meinen Puls mitt­ler­weile nicht mehr hoch­treibt. Ein Jahr mit Corona ist mitt­ler­weile vergan­gen und wir alle bei denk­mo­dell nutzen Online-Tools ziel­si­cher und mit wenig Rucke­lei. Gleich­zei­tig beschäf­ti­gen uns Fragen wie: Soll das alles gewe­sen sein? Rich­ten wir uns in der Situa­tion ein oder gehen wir die „Knack­punkte“ und Unzu­läng­lich­kei­ten von Mode­ra­tio­nen im virtu­el­len Raum an?  Da uns die Pande­mie noch einige Monate beschäf­ti­gen wird und wir davon ausge­hen, dass gute virtu­elle Formate auch lang­fris­tig viele Präsenz­ter­mine erset­zen werden, haben wir uns klar für die zweite Option entschei­den. Schließ­lich wissen wir auch aus dem Change Manage­ment, dass man die Themen ange­se­hen sollte, solange der „Pain“ noch spür­bar ist.

Gemein­sam mit Phil­ipp habe ich mir einige VR (Virtual Reality)-Tools ange­se­hen und auf ihren Nutzen für unsere Bera­tungs­ar­beit über­prüft. Vorab: Eine irre Erfah­rung für alle VR-Einsteiger*innen!

Chal­lenge accep­ted: Analoge und virtu­elle Welt verbin­den

Nur einige der Knack­punkte, die wir sehen und mit Hilfe von VR-Tools ange­hen möch­ten:

  • Inter­ak­tion vergrö­ßern: Wie können wir gerade in großen Runden die Teil­neh­men­den aus einem „listen-only-mode“ holen?
  • Atmo­sphäre herstel­len: Wie können wir mehr Nähe in Work­shops brin­gen?
  • Visua­li­sie­run­gen verstär­ken: Wie können wir in Virtu­el­len White­boards wie Miro nicht nur Boards wie Power­Point-Slides verwen­den, sondern zum Beispiel unter­schied­li­che Umge­bun­gen (Land­schaft etc.) visua­li­sie­ren?
  • Reali­tä­ten verbin­den: Wie können wir das Gefühl von Nutzer*innen vermei­den, auf eine Matt­scheibe zu schauen und die analoge und die virtu­elle Welt verbin­den?
  • Fokus halten: Wie können wir den Fokus der Teil­neh­men­den halten?

VR-Tech­no­lo­gie scheint uns eine Möglich­keit zu sein, inten­si­ver in den virtu­el­len Raum einzu­stei­gen. Im Gaming-Bereich ist dies bereits Stan­dard, im Busi­ness-Kontext noch nicht. Verkürzt geht es darum, dass man sich per VR-Brille in einem drei­di­men­sio­na­len virtu­el­len Raum trifft und dort gemein­sam arbei­tet. Dort sieht man sich als Avatar, kann sich im virtu­el­len Raum bewe­gen und zusam­men­ar­bei­ten. Wir haben für unse­ren Pilot-Versuch unter­schied­li­che VR-Bril­len verwen­det: Oculus Quest und Oculus Quest 2 – beide Bril­len können unab­hän­gig von einem Rech­ner verwen­det werden. Wich­ti­ger ist aller­dings die Soft­ware für den Raum, in dem man sich trifft. Hier haben wir drei Vari­an­ten getes­tet.

Per Knopf­druck in einer ande­ren Welt: Drei VR-Tools im Test

Erster Eindruck: echt irre! Sobald man die klobige Brille aufsetzt, fühlt man fühlt sich per Knopf­druck in einer ande­ren Welt und vergisst die eigene Umge­bung. In unse­rem klei­nen Test schnit­ten die drei getes­te­ten Tools aller­dings ganz unter­schied­lich ab:

  1. Engage: Diese Soft­ware war leicht einzu­rich­ten, aber die Quali­tät erin­nerte uns sowohl optisch als auch haptisch eher an die 90er-Jahre. Abge­se­hen von einer Lager­feuer-Situa­tion war der Kontext unge­eig­net für gemein­sa­mes Arbei­ten oder Work­shop-Situa­tio­nen. Engage ist bei uns direkt durch­ge­fal­len.
  2. Spatial: Quali­ta­tiv ausge­reift ist Spatial. Ein Foto des eige­nen Gesichts trans­fe­riert es gleich drei­di­men­sio­nal auf die Figur im Raum – erstaun­lich passend. Die Räume sind anspre­chend, die Arbeit an virtu­el­len Mode­ra­ti­ons­wän­den funk­tio­niert gut, aller­dings waren wir mit der Hand­ha­bung von Post-its (für unsere Arbeit sehr wich­tig) noch nicht zufrie­den.
  3. MeetinVR: Noch ein wenig besser hat uns MeetinVR gefal­len. Es ähnelt Spatial. Aller­dings ist hier das Erstel­len und Hand­ling von Post-its für uns besser gelöst. So braucht man nicht umständ­lich per virtu­el­ler Tasta­tur Buch­sta­ben einzu­tip­pen, sondern kann per Speech-to-Text Texte einspre­chen oder gut malen. Zudem wird beim Spre­chen recht gut die Mimik simu­liert, was auf den ersten Blick etwas mehr Natür­lich­keit erzeugte als Spatial. MeetinVR ist noch in der Test­phase, aber man kann sich bereits problem­los mit etwas Vorlauf anmel­den.

VR in Bera­tung und Mode­ra­tion: Wo passt’s?

Das Schöne an Video­kon­fe­ren­zen ist, dass mal sein Gegen­über mit der tatsäch­li­chen Mimik und Emotio­nen sieht – aber nur zwei­di­men­sio­nal auf dem Bild­schirm. In der virtu­el­len Welt erlebt man gemein­sam einen Raum, hat eine Person vor sich und kann inter­agie­ren – aller­dings nur über einen Avatar. Die Kombi­na­tion aus beiden Welten – Video­kon­fe­renz und VR – wäre aus meiner Sicht opti­mal.

Der Avatar unse­res Kolle­gen Phil­ipp Scharff – sieht ihm ähnlich, ist nur deut­lich weni­ger dyna­misch in VR.

In unse­rem klei­nen Test sind wir nicht rich­tig warm gewor­den mit dem Hand­ling der Mate­ria­lien, wie den Post-its. Die beiden Control­ler, mit denen man die Bewe­gung in den virtu­el­len Raum spie­gelt, bilden nur Knopf­druck, aber kein echtes Grei­fen ab. Das macht alles etwas umständ­lich und unna­tür­lich. Ich musste fast immer drei­mal zugrei­fen, um das Post-It rich­tig zu grei­fen und zu plat­zie­ren und hatte das Gefühl, mehr mit Tech­nik als mit der eigent­li­chen Arbeit beschäf­tigt zu sein (in diesem kurzen Video  erlebt man, wie nah Freud und Leid teil­weise für uns beiein­an­der lagen). Spezi­elle Hand­schuhe schaf­fen even­tu­ell eine natür­li­chere Abbil­dung der Bewe­gun­gen.

Vor diesem Hinter­grund können wir uns beson­ders folgende Situa­tio­nen vorstel­len, in denen VR-Tech­no­lo­gie einen spür­ba­ren Mehr­wert darstel­len könnte:

  • Lockere gemein­same Erfah­run­gen: Für gemein­sa­mes Arbei­ten gibt es Einschrän­kun­gen, insbe­son­dere, weil die Übung einfach groß sein muss. Lockere Austausch­for­mate mit einem gemein­sa­men Raum­ge­fühl könn­ten jedoch eine span­nende Alter­na­tive zu wonder.me oder AirMeet sein. So kann man sich wunder­bar in Grup­pen bespre­chen oder in einem großen Raum mit Sitz­ecken Open­Space-artige Meetings durch­füh­ren und eine trai­nierte Mode­ra­tion visua­li­sie­ren. Als „Gimmick“ für Veran­stal­tun­gen könnte man kosten­güns­tige Papp-VR-Bril­len für Smart­pho­nes bereit­stel­len und sich für ein Get-Toge­ther am Abend tref­fen.
  • Simu­la­tio­nen schwie­ri­ger Situa­tio­nen: Das Raum­ge­fühl wäre ideal für Rollen­spiele: Dank VR lassen sich viele Situa­tio­nen im Umgang sehr leicht und spür­bar simu­lie­ren. Hier könnte die persön­li­che Distanz über Avatare sogar einen Mehr­wert bieten. So könn­ten zum Beispiel auch schwie­rige Feed­back-Situa­tio­nen erlebt und durch­ge­spielt werden.
  • Coaching-Situa­tio­nen: Coaching-Situa­tio­nen könn­ten eben­falls ein span­nen­des Einsatz­feld sein. Einer­seits fehlt hier zwar auch eine gute Abbil­dung der Mimik und non-verba­ler Kommu­ni­ka­tion. Ergän­zend zu Präsenz-Coachings könn­ten hier span­nungs­rei­che Themen gut bespro­chen werden und sogar Aufstel­lun­gen mehre­rer Perso­nen im Raum simu­liert werden und ein gutes atmo­sphä­ri­sches Umfeld entste­hen.

Mehr Nutzen in der Bera­tung: unsere Wunsch­liste

Die fehlende mensch­li­che Note und die schwie­rige Haptik im virtu­el­len Raum waren für uns im ersten Test so hinder­lich, dass wir für uns das Themen zunächst nicht weiter­ver­fol­gen. Falls Kund*innen Inter­esse daran haben, könnte man VR-Tools einmal im großen Stil und mit Übung einset­zen. So gibt es Gerä­te­ver­lei­her, die zu über­schau­ba­ren Kosten einen größe­ren Kreis an Teil­neh­men­den ausstat­ten könnte. Aller­dings würden wir hier keine inhalt­lich heraus­for­dernde Arbeit vorse­hen, sondern uns eher auf Inputs, Austausch und Erle­ben konzen­trie­ren. Als kleine „Wunsch­liste“ für besse­res Arbei­ten mit VR sehen wir:

  • Gesicht live erfas­sen: Hilf­reich wäre es, wenn eine VR-Brille ein inte­grier­tes Gesichts­tracking hätte, um Mimik live am Avatar abzu­bil­den – die Tech­nik wird mit Lidar an ande­rer Stelle bereits genutzt. Das würde noch eine Emoti­ons­schicht mehr in den virtu­el­len Raum brin­gen.
  • Senso­rik erhö­hen: Senso­ren am Körper (beispiels­weise Holo­suits) würden mehr Gestik über­tra­gen. Damit die Armbe­we­gun­gen und Körper­hal­tung zur Spra­che passen. Derzeit werden die Körper teil­weise komplett ausge­blen­det und die Arme schei­nen sich in manchen Program­men gruse­lig zu verren­ken. Mit Senso­ren könnte non-verbale Kommu­ni­ka­tion prima über­tra­gen werden. Das ist aller­dings noch extrem kosten­in­ten­siv.
  • Kombi­na­tion aus Video und VR: Opti­mal wäre es, wenn man das Gesicht live per Video über­tra­gen könnte und gleich­zei­tig die Räum­lich­keit von VR nutzen könnte. Das dürfte aber an tech­ni­sche Gren­zen stoßen, weil die Brille einfach zu klobig ist für ein paral­le­les Video­bild.

Die Zukunft: Augmen­ted Reality

Nicht nur Apple arbei­tet seit eini­gen Jahren an AR, auch viele andere Firmen konzen­trie­ren sich eher auf die Grund­la­gen von Augmen­ted Reality (AR). Dabei wird über eine AR-Brille der virtu­elle Inhalt in den Präsenz­raum proji­ziert und ergänzt diesen (Ikea beispiels­weise ermög­licht dank einer solchen Tech­no­lo­gie, Sofas schon einmal ins eigene Wohn­zim­mer zu „beamen“). Die Soft­ware Spatial kann auch mit AR umge­hen. So kann man beispiels­weise mit der AR-Brille Holo­lens von Micro­soft auch im proji­zier­ten Raum zusam­men­ar­bei­ten, die Tech­nik macht bereits einen ausge­reif­ten Eindruck. Mit einem Einzel­preis von über 3.800 EUR je Brille ist das zum jetzi­gen Stand jedoch eine größere Inves­ti­tion und für den Work­shop-Zweck über­di­men­sio­niert.  

Zukunfts­mu­sik könnte sein, wirk­lich hybride Work­shops durch­zu­füh­ren, indem man in einem anspre­chen­den Work­shop-Raum mit Präsenz­teil­neh­men­den und virtu­ell Teil­neh­men­den zusam­men­ar­bei­ten könn­ten – alle mit einer AR-Brille. Wir werden diese Entwick­lung weiter beob­ach­ten und wohl eher auf diesen Zug aufsprin­gen als auf die Weiter­ent­wick­lung von Virtual Reality.

Welche Erfah­run­gen haben Sie mit VR oder AR in der Zusam­men­ar­beit gemacht – tech­nisch und metho­disch?