Trai­nings star­ten mit der Methode „Thesen­spa­zier­gang“

4. Juni 2019 von Rupert Prossinagg

Je besser der Einstieg in ein Trai­ning gelingt, desto besser läuft oft das ganze Trai­ning. Doch wie können Trainer*innen diesen Einstieg gestal­ten? So, dass die Gruppe schnell im Thema ist und trotz­dem ausrei­chend Zeit bleibt, auch einen Eindruck der Teilnehmer*innen zu erhal­ten. Eine sehr gute Methode für die Start­se­quenz von Trai­nings oder Semi­na­ren ist unser „Thesen­spa­zier­gang“, den wir in diesem Beitrag vorstel­len. Nach­ma­chen empfoh­len!

Die Grund­idee

Foto mit Beispiele für Thesen aus einem Moderationstraining – hier für die Fotodokumentation auf einer Pinnwand gesammelt

Die Grund­idee der Methode ist einfach und schnell erklärt: Die Teilnehmer*innen machen einen klei­nen „Spazier­gang“ durch den Raum und lesen eine Reihe von Thesen durch, die sie an den Wänden finden. Im Anschluss sucht sich jede*r eine These aus, zu der er*sie ein kurzes State­ment abgibt.Beispiele für Thesen aus einem Mode­ra­ti­ons­trai­ning – hier für die Foto­do­ku­men­ta­tion auf einer Pinn­wand gesam­melt:

Die Wirkung

Durch die Auswahl der Thesen oder Zitate steu­ern Sie die Inhalte, die zu Beginn eines Trai­nings im Fokus stehen. Und Sie sorgen für einen schnel­len Einstieg auf inhalt­li­cher Ebene. Die Teilnehmer*innen werden sofort selbst aktiv und bezie­hen den Inhalt der jewei­li­gen Thesen in eige­nen State­ments auf sich selbst. So entsteht gleich­zei­tig ein gemein­sa­mes Bild der unter­schied­li­chen Persön­lich­kei­ten und ihrer Erfah­run­gen zum Thema des Trai­nings oder Semi­nars. Durch die Bewe­gung in der ersten Einheit (gehen durch den Raum, Stel­lung nehmen im Stehen) sind die Teilnehmer*innen schnell wach und aktiv.

Ablauf der Methode

Im Vorfeld Ihres Trai­nings oder Semi­nars berei­ten Sie eine Reihe von Thesen bzw. State­ments rund um das Thema des Trai­nings oder Semi­nars vor. Entwe­der Sie stel­len Thesen zu unter­schied­li­chen Aspek­ten Ihres Themas zusam­men oder Sie fokus­sie­ren auf einen Aspekt, den Sie im ersten Teil des Trai­nings bear­bei­ten wollen. Je nach Thema können Sie aber genauso gut mit Zita­ten bekann­ter Persön­lich­kei­ten arbei­ten. Zu vielen klas­si­schen Semi­nar­the­men wie Projekt­ma­nage­ment, Kommu­ni­ka­tion oder Führung finden Sie im Inter­net einen riesi­gen Fundus gesam­mel­ter Zitate und Aussa­gen, die Sie verwen­den können.

In der Regel sind acht bis 12 Thesen sinn­voll, um eine gute Auswahl zur Verfü­gung zu stel­len. Gleich­zei­tig stel­len Sie auf diese Weise sicher, dass das Durch­le­sen der Thesen nicht zu lange dauert. Formu­lie­ren Sie Ihre Thesen so, dass sie eher ambi­va­lent bzw. nicht durch ein eindeu­ti­ges „ja“ oder „nein“ zu beant­wor­ten sind. So regen Sie zu einer ersten kriti­schen Refle­xion an und schaf­fen Stoff für spätere Diskus­sio­nen zu den einzel­nen Semi­nar­the­men. Hängen oder kleben Sie Ihre Thesen oder Zitate gut verteilt an den Wänden des Semi­nar­raums auf.

Foto mit Beispiel für ein Anleitungs-Flipchart für einen Thesenspaziergang im Rahmen eines Präsenationstrainings
Beispiel für ein Anlei­tungs-Flip­chart für einen Thesen­spa­zier­gang im Rahmen eines Präse­na­ti­ons­trai­nings

Schon kurz nach der Begrü­ßung der Teilnehmer*innen und einer ersten kurzen Einfüh­rung in den Kontext des Trai­nings, können Sie mit dem Thesen­spa­zier­gang losle­gen. Sie können die Methode also auch statt einer Vorstel­lungs­runde einset­zen und ein paar persön­li­che Worte der Teilnehmer*innen in die Methode inte­grie­ren. Leiten Sie die Methode z.B. so ein: „Gerne möchte ich statt einer Vorstel­lungs­runde heute anders in unser Trai­ning star­ten. Viel­leicht haben Sie schon die Aussa­gen bemerkt, die ich an die Wände geklebt habe. Die möchte ich nutzen, um ins Thema einzu­stei­gen und gleich­zei­tig mehr von Ihnen zu erfah­ren.“

Jetzt bitten Sie Ihre Teilnehmer*innen aufzu­ste­hen und sich ein paar Minu­ten Zeit (drei bis fünf Minu­ten) für einen „Spazier­gang“ durch den Raum zu nehmen. „Bitte lesen Sie die Thesen in Ruhe durch und blei­ben Sie dann vor einer These stehen, die Sie beson­ders anspricht. Das kann sowohl eine These sein, der Sie am ehes­ten zustim­men, als auch eine, die Sie beson­ders aufregt. Vertrauen Sie einfach Ihrem Bauch.“ Vor allem bei größe­ren Semi­nar­grup­pen oder wenn sich die Teilnehmer*innen schon kennen, können Sie den Spazier­gang auch zu zweit oder sogar zu dritt machen. Geben Sie dann ein paar Minu­ten mehr Zeit, da ja erste Gesprä­che zu den ange­ris­se­nen Themen entste­hen und die Teilnehmer*innen sich für eine These entschei­den sollen.

Foto von einem Menschen der ein Zettel in der Hand hält
Beispiel für eine ambi­va­lente These zur Rolle eines*r Moderators*in

Wenn sich alle für eine These oder ein Zitat entschie­den haben, lassen Sie die Teilnehmer*innen Stel­lung nehmen – das können Sie durch­aus noch im Stehen vor den jewei­li­gen Thesen tun. „Jetzt freue ich mich auf Ihre Meinung und Gedan­ken zur These, die Sie sich ausge­sucht haben. Wer möchte star­ten?“  Mögli­cher­weise entste­hen an dieser Stelle bereits inten­sive Diskus­sio­nen zwischen den Teilnehmer*innen, und Sie müssen eher dafür sorgen, dass Sie im Zeit­bud­get blei­ben. Mögli­cher­weise haben Sie es aber auch mit einer sehr ruhi­gen Gruppe zu tun, der es gut tut, wenn Sie zu den State­ments der Teilnehmer*innen die ein oder andere Nach­frage in den Raum geben. Wenn Sie mit den State­ments durch sind, lassen Sie alle wieder hinset­zen und fassen die zentra­len Punkte zusam­men. Jetzt ist ein guter Zeit­punkt für einen gemein­sa­men Blick auf die Agenda oder einen ersten Kurzin­put durch den*die Trainer*in.

Zeit­be­darf

Je nach Grup­pen­größe 15 bis 30 Minu­ten, meist sind 20 Minu­ten eine realis­ti­sche Dauer. Wenn Sie Diskus­sio­nen zu den einzel­nen Thesen zulas­sen und Sie eine rede­freu­dige Gruppe haben, können Sie mit der Methode bis zu 45 Minu­ten des Trai­nings gestal­ten. Kombi­niert mit einer etwas ausführ­li­che­ren Einfüh­rung ins Thema oder einer Vorstel­lungs­runde, die Sie getrennt vom Thesen­spa­zier­gang machen, kann so auch eine erste Start­ein­heit von 90 Minu­ten inter­ak­tiv gestal­tet werden.

Theo­re­ti­scher Hinter­grund

Die posi­tive Wirkung des Thesen­spa­zier­gangs wird schnell verständ­lich, wenn wir einen Blick auf die so genannte „Themen­zen­trierte Inter­ak­tion“ (TZI) werfen. Dieses Modell, das u.a. von der Psycho­lo­gin Ruth Cohn entwi­ckelt wurde, ist eine wich­tige Grund­lage für die Arbeit mit Grup­pen in Semi­na­ren, Work­shops und Trai­nings. Die TZI versucht Grup­pen voran­zu­brin­gen, indem vier zentrale Fakto­ren bear­bei­tet und in Balance gehal­ten werden:

  • ES: das Thema, um das es geht
  • ICH: die einzel­nen Indi­vi­duen der Gruppe und ihre Bedürf­nisse
  • WIR: das Bezie­hungs­ge­füge der Gruppe als Ganzes
  • GLOBE: das Umfeld, das die Arbeit der Gruppe beein­flusst (Zeit, Raum, Rahmen­be­din­gun­gen)
Foto von den vier Faktoren der Themenzentrierten Interaktion
Die vier Fakto­ren der Themen­zen­trier­ten Inter­ak­tion

Je nach Entwick­lung und Verlauf des Grup­pen­pro­zes­ses wird einer der vier Fakto­ren stär­ker beleuch­tet. Wenn wir die Methode Thesen­spa­zier­gang in der Start­se­quenz unse­rer Trai­nings oder Semi­nare einset­zen, gehen wir gezielt auf alle Aspekte ein: Wir thema­ti­sie­ren die Erfah­run­gen der einzel­nen Teilnehmer*innen (ICH), schaf­fen einen Über­blick über die Unter­schiede und Gemein­sam­kei­ten in der Gruppe (WIR), nutzen und „erkun­den“ den Semi­nar­raum (GLOBE). All das tun wir, indem wir das Thema (ES) über die Thesen oder Zitate in den Fokus rücken. Das ist TZI in geleb­ter Praxis – eine gute Voraus­set­zung für einen gelun­ge­nen Start ins Trai­ning.

Tipps für die Praxis

  • Stel­len Sie sich eine eigene kleine Samm­lung geeig­ne­ter Thesen und Zitate zusam­men, aus der Sie sich beim nächs­ten Trai­ning bedie­nen können.
  • Formu­lie­ren Sie die Thesen so, dass sie ambi­va­lent sind. Das sorgt dafür, dass die Teilnehmer*innen sich oft nicht eindeu­tig zu den Aussa­gen posi­tio­nie­ren können und eine rege Diskus­sion entsteht.
  • Sorgen Sie für gute Lesbar­keit der Thesen: Drucken Sie in möglichst großer Schrift­größe – am besten im Quer­for­mat und auf etwas dicke­rem Papier. Wir nutzen hier die kosten­los down­load­bare Neuland Mode­ra­ti­ons­schrift für unsere Schil­der.
  • Lassen Sie vor den State­ments der Teilnehmer*innen die jewei­lige These vorle­sen. Das sorgt für den nöti­gen Fokus und holt alle mit ins Boot.
  • Stel­len Sie – je nach Grup­pen­größe – etwa 8 bis 12 Thesen oder Zitate zur Verfü­gung.

Mehr Metho­den für die Gestal­tung von Trai­nings und Semi­na­ren sowie hilf­rei­che Modelle für den theo­re­ti­schen Hinter­grund gibt es in unse­rer Ausbil­dung zur Trainer*in. Die nächste Trainer*innen-Ausbildung mit Steffi Leupold und Rupert Pros­sinagg star­tet demnächst. Wir freuen uns auf Sie.